Die Gefallenenrede des Perikles bei Thukydides (Thuk. 2, 35-46)

von Kai Drewes

 

Die von Perikles im Winter 431/30 gehaltene Staatsrede auf die Gefallenen des ersten Kriegsjahres ist vor allem in der Neuzeit sehr stark rezipiert und idealisiert worden; bis hin zum – gescheiterten – Versuch Giscard d’Estaings, die Präambel der Europäischen Verfassung mit einem Verweis auf sie zu beginnen (zur Kritik an dem bewusst verkürzten Zitat siehe z.B. einen ZEIT-Artikel von 2004):

 

 

Die Verfassung, die wir haben ... heißt Demokratie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf die Mehrheit ausgerichtet ist.

Dabei ist der Epitaphios durch Thukydides (ca. 460 bis ca. 395 v. Chr.), den Zeitgenossen und vielleicht sogar Augen- und Ohrenzeugen, weitestgehend frei gestaltet worden. Obwohl historiographische Schöpfung, soll auch diese Rede die Intention des Protagonisten bestmöglich zum Ausdruck bringen, beansprucht also in einem gewissen – sozusagen dramatischen – Sinne durchaus, historisch wahr zu sein.

 

In jedem Fall wird das Selbstverständnis der athenischen Demokratie, wie es sich in der Gefallenenrede niederschlägt, im Athen Ende des 5. Jahrhunderts weit verbreitet gewesen sein. Zentrale Begriffe im Epitaphios sind Freiheit, Gleichheit, Selbstlosigkeit, Überparteilichkeit, Weltoffenheit und Autarkie (oder modern ausgedrückt: Individualismus) sowie Eigenart der attischen Bürger. Athen sei die „Schule von Hellas“.

 

Die Rhetorik der Gefallenenrede und anderer Reden athenischer Protagonisten bei Thukydides ist in vielem bemerkenswert aktuell. So lassen sich teilweise erstaunliche Parallelen zu Reden z.B. von US-Präsident George W. Bush finden (vgl. Auszüge aus Bushs Rede zur Lage der Nation am 28. Januar 2003):

  • in der Überhöhung des eigenen freiheitlichen Gesellschaftsmodells und Staatswesens, dessen Attraktivität und Anziehungskraft unterstrichen werden;
  • in der manichäischen Abgrenzung von einem unfreien Gegner (in diesem Falle Sparta);
  • schließlich in der – vor allem in anderen Reden entwickelten – außenpolitischen Prämisse, wonach in einer anarchischen Staatenwelt nur das Recht zur Selbsthilfe das eigene Überleben sichere und Kriege legitimes Mittel der Politik seien.

 

Literaturverzeichnis

  • Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, 4. Aufl., Paderborn u.a. 1995.
  • Leppin, Hartmut: Thukydides und die Verfassung der Polis. Ein Beitrag zur politischen Ideengeschichte des 5. Jahrhunderts v. Chr., Berlin 1999.
  • Meier, Christian: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte, Berlin 1993.
  • Menzel, Ulrich: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den Internationalen Beziehungen, Frankfurt/M. 2001.
  • Pabst, Angela: Die athenische Demokratie, München 2003.
  • Spahn, Peter: Perikles – Charisma und Demokratie, in: Wilfried Nippel (Hrsg.): Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma von Perikles bis Mao, München 2000, S. 23-38.
  • Welwei, Karl-Wilhelm: Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert, Darmstadt 1999.

 

Das Thesenpapier zu diesem Referat (auf dem zugleich der entsprechende Wikipedia-Arikel basiert) gibt es auch als pdf-Datei zum Download. Den Text der Gefallenenrede in deutscher Übersetzung gibt es z.B. in der dtv-Ausgabe von Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, übers. von Georg Peter Landmann, München 1991, S. 139-147 (online zugänglich ist bislang [Stand: August 2005] anscheinend nur die Übersetzung von Richard Crawley ins Englische).

 

Die Abbildung mit dem Thukydides-Zitat im altgriechischen Original stammt aus dem Entwurf eines Vertrages über eine Verfassung für Europa vom Juli 2003, S. 3.